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24. Oktober 2001 | Allgemeines

Das Geldverdienen ist schwieriger geworden

„Print-Gipfel“: Allianzen, Konkurrenzen, Konvergenzen

Leo Kirchs kühne Bemerkung über das angebliche „Fallholz“ unter den Regionalzeitungen, die er zu „Bauholz“ verarbeiten wolle, war auch noch einmal Gegenstand kritischer Betrachtung beim „Print-Gipfel“, der von dem Münchner Medienjournalisten Karl-Otto Saur geleitet wurde.

Klar gebe es Auseinandersetzungen am Zeitungsmarkt, erklärte etwa Lutz Glandt, Geschäftsführer der WAZ-Gruppe in Essen. Die fänden aber eben nur statt, weil die Zeitungen so potent seien. „Mir ist kein Fallholz bekannt“, bestätigte ihm Michael Grabner, stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsführung der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck in Stuttgart. Zeitungen seien wie wertvolle Perlen, wenn einmal eine auf den Markt käme, gebe es sofort zahlreiche Interessenten. Ursache seien aber eher Fragen der Nachfolgregelung als gerade wirtschaftliche Gründe. „In Deutschland haben wir bei den Zeitungen ein hohes Qualitätsniveau im lokalen und regionalen Bereich, das muss geschützt und gepflegt werden“, verlangte Grabner und wies in diesem Zusammenhang insbesondere auf das problematische Kartellrecht hin. Während es für deutsche Zeitungen heute im eigenen Land kaum noch Akquisemöglichkeiten gebe, könnten aufgrund des Kartellrechts „internationale Medienmonster“ ungestört agieren. „Dann wird sich die Qualität unserer Zeitungslandschaft nach unten verändern“, prophezeite der Verlagsmanager.

 

Die Diskussion wurde auch durch die derzeitige konjunkturelle Krise mit deutlichen Anzeigenrückgängen bei den Zeitungen bestimmt. Der Chefredakteur der „Süddeutschen Zeitung“ in München, Hans Werner Kilz, kündigte an, dass sein Blatt trotz des schwieriger gewordenen Umfelds vom Januar 2002 an seine Regionalausgabe für Nordrhein-Westfalen starten werde. Er sei „überrascht“ gewesen, dass einige nordrhein-westfälische Verlage – darunter auch die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ – den Vertrieb für die „Süddeutsche Zeitung“ aufgekündigt hätten, da man sich als überregionales Blatt nicht als Konkurrenz zu den regionalen Unternehmen betrachte. „Das Geldverdienen ist schwieriger geworden“, entgegnete Glandt mit dem Hinweis, das Vordringen der „Süddeutschen“ nach Nordrhein-Westfalen werde auch die Anzeigenmärkte betreffen.

 

Als weiteres Thema stand die Reaktion der Medien auf die Ereignisse des 11. September im Mittelpunkt des „Print-Gipfels“. Günter Sell, Geschäftsführer des Heinrich Bauer Verlags in Hamburg, berichtete, man habe bei der zum Unternehmen gehörenden Zeitung in Polen zwei Sonderausgaben herausgebracht. In Essen gab es, erinnerte sich Lutz Glandt, noch am selben Tag eine Sonderausgabe mit 100.000 Exemplaren, um die Leute, die tagsüber nicht von Fernsehen oder Hörfunk erreicht worden seien, mit einer Erstinformation zu versorgen. „Ich war stolz auf meine Zeitung“, bestätigte Chefredakteur Kilz, „und überrascht, was in der Kürze der Zeit geschafft wurde“. In den darauffolgenden Tagen seien bis zu 200.000 Exemplare der „Süddeutschen“ mehr verkauft worden. Das Medium Zeitung habe in dieser Krise als Institution an Reputation gewonnen. Mehr Reputation und eine „extrem professionelle Berichterstattung“ schrieb auch Thomas Hesse von RTL New Media (Köln) seinem Sender als Folge der Krise zu. Zeitweilig sei das Internet durch die Informationswünsche der Nutzer völlig blockiert worden. Der damals eingerichtete „Live-Ticker“ erziele bis heute hohe Zugriffszahlen. Die User hätten sich mehr als 100.000 Video-Stills heruntergezogen.

 

Die Diskussion sei müßig, wer sich wo als erstes informiert habe, fasste dann auch Michael Grabner die Situation nach dem Angriff auf die USA zusammen. Alle Medien hätten – ungeachtet des bedrückenden und traurigen Anlasses – an Statur gewonnen. Auch habe es gerade in Deutschland im internationalen Vergleich mit Abstand die beste und differenzierteste Berichterstattung gegeben. Die Schwierigkeiten eines Spartensenders bei Ereignissen von nationaler Tragweite schilderte Christiane zu Salm-Salm, Geschäftsführerin von Neun Live. Glücklicherweise habe man auf das Nachrichtenprogramm N24 in der eigenen Senderfamilie umschalten können, „sonst hätten wir abgeschaltet“. Salm-Salm machte auch darauf aufmerksam, dass der häufig für das Fernsehen akklamierte Vorteil des Einsatzes von Bildern gegenüber den Printmedien einzuschränken sei, denn es handle sich um „bewegte Bilder“. „Aber auch Fotos in Zeitungen und Zeitschriften haben große Kraft – das haben uns all die Sonderausgaben deutlich gezeigt.“

 

Keinen Rat hatte die frühere MTV-Chefin für die anwesenden Print-Experten, ob es wohl ein Geheimrezept für den Erfolg von Printtiteln bei jungen Leuten geben könnte. „Zwei oder drei Seiten Fließtext, da tun sich junge Leute schwer“, wandte hier Martin Fischer ein, Geschäftsführer des Hamburger Verlags Milchstraße. Das Erfolgsgeheimnis von Zeitschriften laufe über die Optik. Inhalte würden über die Visualisierung und die Dramaturgie interessant gemacht. „Das Auge isst mit“, versicherte Fischer und sah als Ursache des Erfolgs seines Hauses, dass man im Verlag Milchstraße „eigentlich immer Zeitschriften für uns selbst gemacht“ habe. „Wir waren alle mal jung.“ Verlagsmanager Grabner warf ein, dass die jungen Leute heute möglicherweise zwar nicht unbedingt nicht alles das läsen, was sich die Anwesenden wünschten; gleichwohl „gab es noch nie eine junge Generation, die soviel Printmedien gelesen hat wie die derzeitige“. Das bestätigte Günter Sell mit Hinweis auf die „Bravo“ und den wachsenden Markt der Jugendzeitschriften. Viel schwieriger sei es, die Generation zwischen 20 und Ende 20 zu erreichen. Ähnlich Thomas Hesse, der bei RTL zu der Vorabendserie „Gute Zeiten schlechte Zeiten“ als Spinn-off bis zu 300.000 Zeitschriften verkauft sowie weitere 300.000 Exemplare zu anderen Senderofferten. Hesse empfahl an diesem Beispiel die crossmediale Verwertung als Mittel zur Umsatz- und Gewinnschöpfung.

 

Weniger enthusiastisch beurteilten die anwesenden Experten derzeit die Chancen, im Internet namhafte Umsätze zu erwirtschaften. „Mit dem Internet haben bisher nur Unternehmensberater und Analysten Geld verdient“, meinte WAZ-Manager Lutz Glandt. Milchstraßengeschäftsführer Fischer prognostizierte gleichwohl optimistisch: „Das Internet lebt. Es dauert nur etwas länger.“ RTL-Mann Hesse verwies auf die Erfahrungen in den USA, wo bis zu 40 Euro pro Nutzer für Werbung im Internet ausgegeben würden, in Deutschland seien es bisher erst sieben oder acht Euro. „Da gibt es viel mehr Möglichkeiten als bisher genutzt werden.“ Vor einer allzu unbedachten Verquickung von Werbung und Redaktionellem allerdings warnte Chefredakteur Kilz: „Wir dürfen nicht am eigenen Ast sägen, auf dem wir sitzen!“

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