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22. Februar 2006 | Allgemeines

Damit aus Kindern Leser werden

BDZV-Fachtag und Podiumsdiskussion „Im Sandkasten auf Leserfang“

Eine eigene Zeitung für Kinder, separate Seiten, eine Beilage oder eine kinderfreundliche Ausgabe – es gibt zahlreiche Ideen, um die jüngsten Leser für das Medium zu gewinnen. Einige besonders bemerkenswerte Beispiele wurden beim ersten Fachtag „Kinder und Zeitung“ präsentiert, den der BDZV am 22. Februar 2006 in Berlin veranstaltete. Die mit rund 90 Chefredakteuren, Ressortleitern, Redakteuren und Journalisten und Wissenschaftlern sehr gut besuchte Veranstaltung gab den Zeitungsmachern Anreize, sich auch über die „Zielgruppe Kinder“ ganz neue Gedanken zu machen. Anja Pasquay, Pressereferentin und Redakteurin beim BDZV, moderierte den Fachtag.

IMG 0548 minGleichsam als wissenschaftliche Grundlage stellte Professor Wilfried Bos von der Universität Dortmund die Ergebnisse der „Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung“ (IGLU) und des „Programmes for International Student Assess­ment“ (PISA) vor. Ergebnis: Kinder können mit literarischen und informativen Texten gleich gut umgehen. Auch den Einsatz von Zeitungslektüre in der Grundschule befürwortet der Professor. „Schon ab der zweiten Klasse kann ich Pressear­tikel im Schulunterricht empfehlen. Die Kinder können in diesem Alter Texte lesen, verstehen, darüber reden und sie reflektieren. Ein weiteres Resultat: Deutsche Kinder schnitten Ende der vierten Klasse in den Bereichen Lesekompetenz, Mathematik und Naturwissenschaften sehr viel besser ab, als bei einer Fortsetzung des Tests (PISA) in der neunten Klasse. „Die Grundschule ist bisher die beste schulische Bildungseinrich­tung in Deutschland“, urteilt Bos.

IMG 0153Elke Jansen, Ressortleitung Wochenendjour­nal/Serviceseiten beim Zeitungshaus Bauer in Marl, präsentierte das bundesweit erste Kinder­garten-Angebot „Zeitungstreff Vorschulkinder“. „Mit keinem anderen Werbemittel erreichen wir die Eltern so gut. Je jünger die Kinder sind, umso mehr wird in den Elternhäusern kommuniziert und um so größer ist auch das Interesse an ihrer Bil­dung“, stellte Jansen fest. Über drei Wochen wird den teilnehmenden Kindergärten im Verbrei­tungsgebiet der „Recklinghäuser Zeitung“ die originale Tageszeitung zum Basteln, Rätseln und spielerischen Entdecken unentgeltlich zugestellt. Das Gelingen des gesamten Projektes hänge sehr vom Engagement der Erzieher ab, erläutert die Redakteurin. „Die Kinder sollen nicht mit er­hobenem Zeigefinger an das Lesen und Spre­chen herangeführt werden, sondern mit kreativen Übungen.“ Erfreuliches Resultat für den Verlag: Bei der ersten Tranche, an der 1.200 Kinder be­teiligt waren, entschieden sich im Anschluss 60 junge Familien für den Bezug eines Vollabonne­ments.

IMG 0137In Tübingen gehen seit vier Jahren bereits die Kinder zur Universität: Urheber dieser vor kurzem preisgekrönten Aktion („BDZV Intern“ berichtete) sind das „Schwäbische Tagblatt“ mit seinen bei­den Redakteuren Ulla Steuernagel und Ulrich Janssen sowie die Universität in Tübingen. Mit der gemeinsamen Aktion „Kinder-Uni“ sollen be­reits die Kleinen „die Wissenschaften praxisnah in Vorlesungen kennen lernen und dabei Spaß ha­ben“, formulierte Steuernagel das Ziel. IMG 0113Das Inte­resse sei so groß, dass die Vorträge teilweise in einen zweiten Hörsaal übertragen werden müss­ten. Mittlerweile imitierten rund 70 Universitäten und Hochschulen in ganz Deutschland das Pro­jekt, viele in Zusammenarbeit mit einer Zeitung, auch im Ausland gebe es bereits Nachahmer. Natürlich spiegelt sich die „Kinder-Uni“ auch im Blatt wider – mit Ankündigung, Berichten, Fotos. Werbung findet dagegen nur sehr dosiert statt, die Veranstaltung ist ohnehin jedes Mal überfüllt. Eine andere gute Idee zum Nachmachen: die Rubrik „Kinder fragen – Professoren antworten“.

IMG 0052Um der sinkenden Lesefähigkeit entgegen zu wirken, entwickelte die zur Essener WAZ-Me­diengruppe gehörende Journalistenschule Ruhr das Projekt Zeitung und Schule für Grundschüler (ZEUS-KIDS). „50 Prozent der Kinder kennen die Tageszeitung zu Hause nicht. Das ist erschre­ckend - und dem wollen wir entgegentreten“, be­richtete Harald Heuer, stellvertretender Leiter der Journalistenschule Ruhr. Die Teilnahme am ZEUS-KIDS-Projekt läuft über 14 Tage, an denen jeder Schüler täglich eine eigene Zeitung be­kommt. Auch ein Reporterausweis und die „Re­porterschule“, ein Workbook mit Arbeitsblättern, gehören für jedes Kind zur Grundausstattung. Ziel von „Zeitung und Kinder“ ist es, auf unterhalt­same und interessante Weise sehr frühzeitig für das Medium zu werben.

IMG 0051Ernest Henry, Verleger der britischen Wirt­schaftszeitung für Kinder „Oink!“ - vergleichbar dem deutschen „Quiek“ eines (Spar)Schweinchens - setzt ganz auf Finanzthe­men, auf den Umgang mit Geld und nicht zuletzt aufs Geldausgeben. „Kinder verstehen viel von Geld“, lautet Henrys Devise. Seine Redakteure „übersetzten“ schwierige Begriffe und erklärten die wesentlichen Zusammenhänge verständlich. Die Themen Inflation, Zinsen, Aktien und Wert­papiere seien in dem lachsrosafarben gehaltenen Monatsblatt ebenso aktuell wie Beiträge über Musik, Mode, Sicherheit in der Schule oder Wer­bung. Die zwölf Seiten starke Zeitung wird kos­tenlos an Schulen und anderen von Kindern auf­gesuchten Orten verteilt. 300000 bis 600000 Kin­der lesen die sie derzeit, 3,2 Millionen sollen es werden, wenn genügend Anzeigen hereinkom­men. Denn „Oink!“, das mittlerweile auch eine eigene Radioshow hat und Fernsehauftritte plant, finanziert sich ausschließlich über Werbung. Eine für Kinder womöglich ungute Vermischung von Redaktionellem und Werbebotschaft will der Verleger gleichwohl nicht erkennen. „Wir sind sehr stolz darauf, dass die ‚Bank of England’ re­gelmäßig bei uns inseriert“, sagte Henry.

IMG 0015Die belgische Kinderzeitung „Le Journal des Enfants“ für Kinder von acht bis zwölf Jahren wird seit 1992 von Namur aus als Abonnement haupt­sächlich an Schulen vertrieben. „Wir sind ver­gleichbar mit einer Tageszeitung, schreiben aber so, dass es auch Kinder verstehen“, sagte Re­dakteurin Marie-Agnès Cantinaux. Jeden Monat gebe es ein Thema, mit dem sich die vier Ausga­ben auseinandersetzen. „Le Journal des Enfants“ wolle darüber hinaus Fragen beantworten, für die zu Hause oder in der Schule keine Zeit sei. Mei­nungen und Standpunkte würden bewusst ver­mieden. „Die Kinder sollen sich selbst ein Bild machen“, verdeutlichte Bénédicte Lemercier aus der Marketingabteilung des Blattes.

IMG 0079„Wir arbeiten mit sieben Tageszeitungen zu­sammen und schreiben Erklärstücke zu aktuellen Geschehnissen“, berichtete Markus Mörchen. Der verantwortliche Redakteur bei der ZDF-Kin­dersendung „logo!“, Mainz, bietet den Tageszei­tungen im Gegenzug eine Plattform. Kinder kön­nen regelmäßig ihr Lieblingsfoto aus der Zeitung ausschneiden und sie an die Redaktion senden. Im besten Fall wird es als „Bild des Monats“ auf der Homepage online gestellt und während der zehnminütigen Sendung ausgestrahlt. „logo!“ ist eine Nachrichtensendung für Acht bis 13-Jährige. Werktags flimmern Meldungen über Popstars sowie die aktuellen Ereignisse aus Politik, Sport, Umwelt und vielen anderen Bereichen über den Bildschirm. „Natürlich immer zusammenhängend und mit Erklärstücken“, so Mörchen.

 

Podiumsdiskussion im Haus der Presse

IMG 0556 minEine eigene Zeitung nur für Kinder, das wär’s, darin waren sich am Abend zuvor die Teilnehmer der Podiumsdiskussion „Wann ist der Zug abge­fahren? Im Sandkasten auf Leserfang“ im Berli­ner Haus der Presse durchaus einig. Auf dem Weg dahin gäbe es aber auch so noch eine Menge zu verbessern, damit aus Kindern Leser werden, die ihre Nase gerne in Bücher, Zeitungen oder Zeitschriften stecken, meinte Moderatorin Roswitha Budeus-Budde, Kulturredakteurin der „Süddeutschen Zeitung“ in München. Vor allem müsse viel mehr Geld als bisher in die vorschuli­sche Erziehung gesteckt werden. So, wie es bei­spielsweise die Finnen vormachen. Hannelore Haufe, seit gut drei Jahrzehnten Leiterin einer Berliner Kindertagesstätte, wünschte sich, in Zu­kunft endlich selbst für die Einstellung ihrer Mitar­beiter verantwortlich zu sein und diese nicht von vorgesetzten Dienststellen zugewiesen zu erhal­ten. „Dann kann man auch ein gutes gemeinsa­mes Programm für die Kinder erarbeiten.“ Die Zahl der Nichtleser wird größer, bedauerte Hein­rich Kreibich, Leiter der Stiftung Lesen in Mainz. „Und die Spirale des Nichtlesens beginnt mir der mangelnden Dialogfähigkeit der Eltern.“ Stimmt schon, erwiderte Paul Maar, Kinderbuchautor und unter anderem Vater des „Sams“. Allerdings leg­ten gleichzeitig die Kinderbuchverlage bei ihren Verkäufen Jahr für Jahr zu. Offensichtlich läsen die Kinder, die sowieso lesen, immer mehr. Und damit können sie auch gar nicht früh genug an­fangen, meinte Anna Katharina Braun, Professo­rin für Zoologie/Entwicklungsneurobiologie an der Universität Magdeburg. „Lernen löst im kindlichen Gehirn massive Veränderungen aus. In den ers­ten Jahren wird sozusagen die ‚Festplatte’ aus­gebildet. Damit müssen wir dann später ein gan­zes Leben lang zurechtkommen!“

IMG 0168Wenn allerdings zuhause nicht gelesen wird und das familiäre Vorbild von Eltern oder größe­ren Geschwistern fehlt, kann die Lektüre in der Schule ein wichtiger Ersatz werden. Aralynn McMane, Director of Development and Education beim Weltverband der Zeitungen (WAN) in Paris, berichtete in ihrer Einführung über eine Studie in 22 Städten der USA, bei der junge Leute im Alter zwischen 18 und 35 Jahren befragt wurden, ob sie sich daran erinnern, während der Schulzeit mit Zeitungen im Unterricht gearbeitet zu haben. 63 Prozent derjenigen, die Zeitungen in der Schule benutzt hatten, waren später auch aktive Zei­tungsleser; von denen, die sich nicht an Zei­tungsprojekte in der Schule erinnern konnten, waren es hingegen nur 32 Prozent.

Fotos: Kathrin Kirscht

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