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14. September 2011 | Allgemeines

ARD erkennt Nachbesserungsbedarf bei Tagesschau-App

Themen: Rundfunk, Tagesschau-App

Streitgespräch zwischen Christian Nienhaus und Lutz Marmor beim Zeitungskongress

Im Streit um die Tagesschau-App zeigt sich die ARD-Vorsitzende Monika Piel geläutert. Im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur dpa signalisierte sie Gesprächsbereitschaft bezüglich der iPhone-Applikation: „Möglich wäre, bei der Tagesschau-App den Video- und Audioanteil noch weiter in den Vordergrund zu rücken“, auch wenn sie für den anhängigen Rechtsstreit keine unmittelbare Veranlassung dafür sähe. Ende Juni 2011 hatten acht Zeitungsverlage beim Landgericht Köln Wettbewerbsklage gegen die Tagesschau-App eingereicht.

Klage ARDChristian Nienhaus, Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe und Vorsitzender des Zeitungsverlegerverbands Nordrhein-Westfalen, erklärte in einem parallel geführten dpa-Interview: „Wir fordern, dass ARD und ZDF auf presseähnliche Texte verzichten. Audios und Videos hingegen gehören zum öffentlich-rechtlichen Auftrag und könnten auch im Internet angeboten werden.“

Das Thema öffentlich-rechtlicher Rundfunk und dessen digitale Expansionsbestrebungen sind auch Thema eines Streitgesprächs zwischen Christian Nienhaus und Lutz Marmor (Intendant des NDR) beim BDZV-Zeitungskongress am 19. September in Berlin. Weitere Informationen zum Kongress finden sich unter www.zeitungskongress.info.

Die dpa-Wortlautinterviews mit Christian Nienhaus und Monika Piel finden Sie beigefügt.

Interview mit Christian Nienhaus:

Herr Nienhaus, mehrere Zeitungsverlage haben Klage gegen die "Tagesschau"-App eingereicht. Was stört Sie an dem Angebot für Smartphones - und glauben Sie, dass die WAZ ohne ARD-Apps mehr Geld verdienen würde?

Nienhaus: "Es geht nicht um ein Störgefühl, sondern um unsere klare Überzeugung, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk keine geschriebene Presse herstellen darf. Eine textbasierte Berichterstattung von ARD und ZDF stößt massiv in den Kernbereich der Presse vor und zählte noch nie zu den Aufgaben des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Verlage müssen versuchen, Vertriebserlöse auch für ihre elektronischen Produkte aufzubauen, wenn sie den digitalen Wandel mitgestalten wollen. Das kann nicht funktionieren, wenn die gebührenfinanzierten Sender dauerhaft kostenlose Volltextdienste anbieten. Die ZDF-Mediathek ist ein Beispiel dafür, dass es auch ohne ausschweifende Texte geht!"

Wo würden ARD und ZDF nach ihrer Einschätzung in zehn Jahren stehen, wenn sie ihre Online-Angebote weiter reduzieren und auf Apps verzichten würden?

Nienhaus: «ARD und ZDF haben keinen Auftrag, presseähnliche Produkte herzustellen. Mit ihren Bewegtbildangeboten haben sie eine hervorragende Perspektive auch ohne den Pressemarkt zu bespielen.»

Schwächt dieser Dauerstreit nicht die Qualitätsmedien - also auch die Tageszeitungen - allgemein?


Nienhaus: "Qualitätsmedien wird es auch in Zukunft nur geben, wenn sie nachhaltig und solide finanziert sind. Wenn es dazu einer rechtlichen und medienpolitischen Klärung bedarf, dann ist auch eine hartnäckige Auseinandersetzung in Kauf zu nehmen."

Nach Einschätzung des Chefs der rheinland-pfälzischen Staatskanzlei, Martin Stadelmaier, stehen dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk sämtliche Übertragungswege offen, auch in Form von Apps. Wie beurteilen sie diese Rückendeckung für ARD und ZDF?

Nienhaus: "Das ist richtig. Allerdings untersagt der Rundfunkstaatsvertrag bestimmte gestalterische Ausformungen. Dazu gehören geschriebene presseähnliche Texte. In diesem Bereich gibt es nämlich schon eine große Vielfalt qualitativ hochwertiger Angebote.
Gebührengelder müssen nicht für ein Konkurrenzprodukt zur freien Presse aufgewendet werden."

Sehen Sie eine Kompromissmöglichkeit - und wie könnte ein Entgegenkommen aussehen?

Nienhaus: "Die EU-Wettbewerbsbehörde hat einen klar definierten Auftrag für die gebührenfinanzierten Sender gefordert. Die Ministerpräsidenten haben diese Definition im Rundfunkstaatsvertrag festgelegt. Dieser Rundfunkstaatsvertrag ist bereits der Kompromiss:
ARD und ZDF dürfen die neuen Übertragungswege nutzen, aber nicht mit langen presseähnlichen Texten. Um diesen Kompromiss wurde jahrelang gerungen. Wir fordern, dass ARD und ZDF daher auf presseähnliche Texte verzichten. Audios und Videos hingegen gehören zum öffentlich-rechtlichen Auftrag und könnten auch im Internet angeboten werden."

Interview mit Monika Piel:

Frau Piel, mehrere Zeitungsverlage haben Klage gegen die «Tagesschau»-App eingereicht. Wie verteidigen Sie das ARD-Angebot für Smartphones beziehungsweise warum wollen Sie den Zeitungsverlagen das Geschäft kaputtmachen?

Piel: "Ich sehe nicht, dass wir mit der "Tagesschau"-App das Geschäft der Zeitungsverlage kaputt machen. Die "Tagesschau"-App ist schließlich keine Zeitung, sondern bietet genau das, was es seit 1996 bereits auf "tagesschau.de" gibt, nur eben für Smartphones und Tablet-PCs - nämlich die wichtigste deutsche Nachrichtensendung im Netz. Damit erfüllen wir auch unseren gesetzlichen Auftrag, das Publikum mit unserem Angebot zu erreichen. Immerhin verfügen 22 Prozent der rund 50 Millionen deutschen Onliner über ein Smartphone oder einen Tablet-PC. Das kann und darf die ARD nicht ignorieren.
Unser Publikum erwartet - zu Recht - dass es die Inhalte, für die es Rundfunkgebühren bezahlt hat, auch auf allen relevanten Endgeräten abrufen kann."

Wo würden ARD und ZDF nach ihrer Einschätzung in zehn Jahren stehen, wenn sie ihre Online-Angebote weiter reduzieren und auf Apps verzichten würden - und wo würden die Zeitungsverlage stehen, wenn das nicht der Fall wäre?


Piel: "Das ist eine sehr hypothetische Frage. Ich bin mir aber sicher, dass die digitale Entwicklung der Medien unumkehrbar ist und dynamisch weitergehen wird. Wenn die ARD hier nicht am Ball bleibt, kann sie ihrem gesetzlichen Auftrag nicht mehr nachkommen."

Schwächt dieser Dauerstreit nicht die Qualitätsmedien - also auch Informationsprogramme im Fernsehen - allgemein?

Piel: "Schwächen würde ich nicht sagen - aber er lenkt ab vom eigentlichen Problem. Spätestens wenn Google, Apple oder andere global agierende Unternehmen mit eigenen TV-Angeboten auf dem deutschen Markt Fuß fassen, haben wir hier alle eine neue und wesentlich schärfere Wettbewerbssituation als heute. Darauf müssen wir uns vorbereiten - die Auseinandersetzung mit den Zeitungsverlegern schadet daher im Grunde beiden Seiten und kann aus Sicht der Verlage auch nicht zielführend sein.»

Warum hat der WDR die drei Jahre dauernde Belieferung des WAZ-Konzerns mit Videobeiträgen eingestellt?

Piel: "Die Kooperation der WAZ mit der WDR mediagroup konnte aus wirtschaftlichen und aus Gründen der Marktkonformität nicht länger fortgeführt werden. Denn zuletzt wurde so wenig vom WAZ-Onlineportal an Kurzbeiträgen abgerufen, dass die WDR mediagroup GmbH die Lieferung tagesaktueller Fernsehbeiträge Ende Juli dieses Jahres hat auslaufen lassen."

Sehen Sie eine Kompromissmöglichkeit - und wie könnte ein Entgegenkommen aussehen?

Piel: "Ich habe schon immer den Dialog mit den Verlegern gesucht und bin weiterhin bereit, über Kompromisse und Kooperationen zu sprechen.
Deshalb begrüße ich, dass Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner jüngst ebenfalls Gesprächsbereitschaft signalisiert hat. Möglich wäre, bei der "Tagesschau"-App den Video- und Audioanteil noch weiter in den Vordergrund zu rücken, auch wenn ich für den anhängigen Rechtsstreit keine unmittelbare Veranlassung sehe. Aber ganz ohne Schrift wird es nicht gehen. Im Internet gehören Video, Audio und Text nun mal zusammen."


Ort: Berlin

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