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Leserwünsche als Herausforderung. Neue Impulse für die Tageszeitung

Wer junge Zielgruppen begeistern möchte, muss ihre Wünsche, ihre Motive kennen und ebenso wissen, wo sie Kritik am Medium Zeitung üben. 1993 führte die Universität Dortmund in enger Zusammenarbeit mit dem "Remscheider General-Anzeiger" (rga) eine Fallstudie durch, die hierzu Erkenntnisse liefern sollte. Die Ergebnisse sind im ZV-Verlag des BDZV erschienen. Methodisch wurden quantitative und qualitative Verfahren kombiniert. Der "Methodenmix" umfasste eine (nicht-repräsentative) Befragung unter den Abonnenten des rga, eine repräsentative Befragung mit Schülern an Remscheider Schulen und Intensivinterviews mit einer kleinen Gruppe von jugendlichen Nichtlesern. Daneben wurde im Rahmen von Gruppendiskussionen eine eigenproduzierte Jugendseite bewertet.

 

Abonnentenbefragung

Anfang 1993 druckte der "Remscheider General-Anzeiger" einen Fragebogen ab, den 541 Personen ausgefüllt zurückschickten. Die Leserinnen und Leser waren aufgefordert worden, 26 verschiedene Ressorts bzw. Zeitungsteile zu benoten. Da der Rücklauf nicht dem durchschnittlichen Abonnentenmuster des rga entsprach, lassen die Ergebnisse nur Aussagen über Tendenzen zu, jedoch keine repräsentativen Aussagen - beispielsweise stammten 60 Prozent der Fragebögen von Männern, wohingegen sonst das Geschlechterverhältnis der rga-Leser ausgewogen ist, ebenso waren junge Leser unterrepräsentiert.

Es zeigte sich, dass die jüngeren Leser (zwischen 14- und 39 Jahren) den rga durchweg kritischer beurteilten. Die Verbraucherseite bewerteten sie am positivsten. Wenngleich die Jugendseite von den Jüngeren leicht bessere Noten erhielt als von den 40- bis 59-Jährigen, schnitt sie mit der Note 2,9 weniger gut ab.

Auf die Themen bezogen, zeigten sich die 14- bis 39-Jährigen am wenigsten vom Thema Kommunalpolitik begeistert. Man berichte zu oft über Kommunalpolitiker, statt über Betroffene und Kritiker. Die Mehrheit der Befragten bis 30 Jahre wünschte sich, dass Jugendliche selbst häufiger Gegenstand der Berichterstattung seien. Favorisierte Themen, die daneben stärker behandelt werden sollten, waren: Umwelt, Service und Verbraucherthemen.

Bei den Motiven, Zeitung zu lesen, stand allgemein der Wunsch sich zu informieren an erster Stelle. Je jünger die Leser waren, desto weniger wurde angegeben, man lese Zeitung, "weil es einfach zum Tagesablauf dazu gehöre" (Rager et al. 1994: 52). In Layout-Fragen legten die jüngeren Befragten ein erstaunlich "breites Desinteresse" an den Tag, sprachen sich also nicht deutlich für ein farbigeres Layout aus. Auch wurden Farbbilder nicht auffällig stark vermisst.

 

Schülerumfrage

Neben der Umfrage unter Abonnenten des rga wurden 323 Schülern zwischen 14 und 25 Jahren an sechs Remscheider Schulen (Klasse 9 bis 13) befragt. Per Fragebogen wurden ihr Mediennutzungsverhalten und ihre Einstellung gegenüber der Zeitung erhoben. Neben Haupt-, Realschülern und Gymnasiasten wurden auch in zwei Berufsschulen Fragebögen ausgeteilt. Zusätzlich führte die Forschungsgruppe 19 Intensivinterviews mit Nichtlesern der Tageszeitung, die zuvor eine Woche kostenlos den "Remscheider General-Anzeiger" erhielten. Die Befragungen offenbarten eine deutliche Distanz der Jugendlichen gegenüber dem Medium Zeitung. Über ein Drittel der Schüler waren Nichtleser, darunter vor allem Hauptschüler. Allgemein galt, dass Jungen häufiger Zeitung lasen als Mädchen. "Eventuell bestätigt sich hier die Hypothese, dass sich gerade junge gebildete Frauen von der Zeitung abwenden" (Rager et al. 1994: 90).

Überwiegend kam der Zeitung kein fester Platz im Alltag der Schülerinnen und Schüler zu. Mehr als die Hälfte der Befragten würden die Zeitung nicht vermissen. Erneut zeigte sich, dass Eltern Lesevorbilder sind. Schüler aus Elternhäusern mit Zeitung wurden häufiger zu Zeitungslesern als jene, deren Eltern auf die Zeitung verzichteten.

Nichtleser waren häufig politisch desinteressiert. Allerdings hegte zumindest ein Teil der Nichtleser ein Interesse an alternativen Politikformen wie Demonstrationen oder auch Bürgerinitiativen, was auf eine Abkehr von klassischen politischen Inhalten hindeutet.

Allgemein favorisierten Jugendliche Themen, die ihre eigene Lebenswelt betrafen, Rager et al. konstatierten eine "Dominanz im persönlichen Nahbereich" (Rager et al. 1994: 119). Das Image der Zeitung war bei Lesern und bei Nichtlesern gleichermaßen positiv. Assoziierte Eigenschaften waren bei den Lesern vor allem "informativ", "aktuell" und "bildend". Nichtleser urteilten ähnlich, setzten jedoch die Aktualität an erste Stelle, gefolgt vom Informationsgehalt und assoziierten als drittes "gibt gute Tipps". Darüber hinaus schätzte die Mehrheit der Befragten die Zeitung auch als unterhaltsames Medium ein. Der Vergleich von Nichtlesern und Lesern deutete darauf hin, dass beide Gruppen unterschiedlich an die Zeitung herangingen - Nichtleser hoben eher die "Alltagskompetenz" (ebd.: 125) hervor, während Leser stärker eine gesellschaftlich-politische Funktion betonten.

 

Wünsche der Jugendlichen auf einen Blick:

  • Jugendliche wollen sich mehr in der Zeitung wiederfinden
  • Vermisst werden Themen aus den Bereichen Umwelt, Bürgerinitiativen, Ausländer, Menschenrechte, Ausbildung/Beruf und Freizeit.
  • Service und Verbraucherinformationen (besonders für Jugendliche, z.B. Warentests von Fahrrädern oder Musikanlagen) werden mehrheitlich gewünscht, Veranstaltungshinweise mit Angabe von Eintrittspreisen und Busverbindungen.
  • Gefordert wird eine kritischere und unterhaltendere Berichterstattung.
  • Es besteht ein Bedürfnis nach Erklärung komplexer Zusammenhänge in einfacher, verständlicher Sprache.
  • Jugendliche wünschen ansprechendere Fotos ("nicht nur Köpfe von Politikern").

 

Alternativzeitung

Anschließend griff die Forschergruppe Wünsche und Kritik der Jugendlichen, die in den Befragungen zum Ausdruck kamen, auf und konzipierte danach eine Alternativ-Zeitung. Berücksichtigt wurde unter anderem der Wunsch nach einer Erklärung komplexer Zusammenhänge in einfacher, verständlicher Sprache oder auch die Thematisierung von Jugendlichen selbst. Das Alternativprodukt enthielt beispielsweise Artikel über Ausbildungschancen und Probleme um den Stadtpark und berichtete zum Thema Rassismus. Daneben wurden ein Comic integriert und Info-Kästen eingebaut.

Im Rahmen von zwei Gruppendiskussionen wurden die neu entworfenen Zeitungsseiten, darunter auch eine Jugendseite, sehr unterschiedlich bewertet. Sichtbar wurde, dass die erste Gruppe, die man als interessierte Nichtleser klassifizieren könnte, konkret Kritik übte. Diese Gruppe, die sich in der Mehrzahl aus Mädchen zusammensetzte, sei womöglich durch andere Themen, neue Gestaltung und Ähnliches für die Zeitung zu gewinnen. Keine Chance sahen Rager et al. jedoch bei der zweiten Gruppe, die sie eher als allgemein desinteressiert charakterisierten. Dieser Gruppe, die sich überwiegend aus Hauptschülern zusammensetzte, bereitete das Lesen der Texte erhebliche Mühe und wurde als anstrengend wahrgenommen.

Die Forschergruppe kam allgemein zu dem Schluss, dass es "eine Zeitung, die alle Leser in allen Teilen interessiert" nach den Untersuchungsergebnissen, "künftig wohl ohnehin kaum geben" werde. "Eher wird es darum gehen, für möglichst viele spezifische Angebote zu machen: für die politisch völlig Desinteressierten viel alltagsnahen Service und Beratung, für die politisch Interessierten eine kritische Berichterstattung, die sich um Hintergründe bemüht." (Rager et al. 1994: 166)

 

Literatur:

Rager, Günther / Sigrun Müller-Gerbes / Anne Haage (1994): Leserwünsche als Herausforderung. Neue Impulse für die Tageszeitung. Bonn: ZV-Verl.-Service.