Breit gestreut, rund um die Uhr, lokal kompetent - Zeitungen müssen ihre Angebote im Internet weiter optimieren
Medientage München: Expertendiskussion beim Printgipfel

Sind die deutschen Zeitungsverleger mutig und sind ihre Produkte innovativ? Vor allem, wenn es um die Herausforderungen des Internets und der fortschreitenden Digitalisierung geht? Sie sind sogar mehr
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Auch Online-Nutzer wollen Qualitätsjournalismus!
Zeitungspanel von BDZV und VBZV bei den Medientagen München
Im Zeitalter des Mitmach-Webs schätzen Nutzer vor allem eines: Qualitätsjournalismus. Darin waren sich die Teilnehmer am von BDZV und Verband Bayerischer Zeitungsverleger veranstalteten Zeitungspanel „Community auf allen Kanälen – Was wollen die Nutzer von den Verlagen?“ völlig einig. Der sei allerdings für Zeitungen/Zeitschriften und ihre Online-Dienste gar nicht so leicht herzustellen.
So meinte Peter Stefan Herbst, Chefredakteur der „Saarbrücker Zeitung“, dass Bezahlinhalte im Internet keine Chance hätten. Es werde in Zukunft immer schwieriger, das Geld zu verdienen, um hochqualifiziertes Personal und aufwändige Recherche zu finanzieren. Annik Rubens, Journalistin und Erfinderin des preisgekrönten Podcasts „Schlaflos in München“, glaubt, dass der Online-Bereich in vielen Verlagen noch stiefmütterlich behandelt werde. „Da muss Geld hinein fließen, das soll nicht der Praktikant noch zusätzlich machen.“ Das Web 2.0 erhöht sogar den Bedarf an Qualitätsjournalismus, konstatierte Jochen Wegner, Chefredakteur von focus.de. Journalistische Medien eigneten sich hervorragend als Kristallisationskeim für Communitys, solange sie ihren journalistischen Anspruch dafür nicht aufgeben. Ähnlich sah das Frank Thomsen, Chefredakteur von stern.de: Ein Userbeitrag sei nicht schon deshalb gut, weil er von einem User stamme. Im Übrigen hätten sich aber aus seiner Sicht auch die journalistischen Formen für Online-Publishing noch nicht ausgeprägt.
Wie also sollen Zeitungen und Zeitschriften in ihren Online-Diensten mit Leserreportern umgehen? „Wir haben es versucht, es hat nicht geklappt“, beklagte Focus.de-Chefredakteur Jochen Wegner. Die Nutzer hätten diese Art der Beiträge nicht akzeptiert. Stattdessen habe die Redaktion den Dialog mit den Nutzern intensiviert. Laut Peter Stefan Herbst, der mit der „Saarbrücker Zeitung“ seinerzeit das Modell der Leserreporter als erster in Deutschland einführte, kommen 4.000 bis 5.000 Hinweise auf diesem Weg ins Haus. Darunter seien 500 bis 700 „gute Geschichten oder Fotos, die wir sonst nicht gehabt hätten“. Alles werde journalistisch überprüft, ein Honorar gebe es nicht. Es sei doch ein „Gebot der Fairness“, wandte dagegen Frank Thomsen ein, eine erbrachte Leistung auch zu honorieren. Schließlich erschienen damit im „Stern“ beispielsweise Fotos, die sonst nicht im Blatt gewesen wären.
Wenig Gedanken über ihr Publikum macht sich Annik Rubens: „Ich richte mich überhaupt nicht nach den Hörern, und es funktioniert“. Aus Nutzersicht sei sie allerdings häufig genervt von ungenügenden Web-TV-Angeboten, die die Medien „mit der Angst vor YouTube im Nacken“ produzierten. „Da sitzt einer in der Redaktion und erzählt, es gibt sonst nichts zu sehen. Das höre ich gern, aber das muss ich nicht sehen.“
„Zeitungen bewegen sich seitwärts“, hatte zuvor Eugen Russ, Verleger der sehr innovativen „Vorarlberger Nachrichten“, konstatiert. Sein Haus rechne in Zukunft nur noch online mit Wachstum, nicht aber in den gedruckten Produkten. Vor diesem Hintergrund müsse das Kostenniveau gesenkt werden und müssten neue Erlösquellen erschlossen werden. Das könnten Nischenprodukte (wie etwa ein „Hochzeitsmagazin“) ebenso sein wie eine bessere Ausschöpfung des Potenzials. So seien von den 13.000 Firmen im Verbreitungsgebiet der „Vorarlberger Nachrichten“ 5.000 aktive (Anzeigen)-Kunden - damit gelte es, 8.000 potenziell zusätzliche Kunden zu gewinnen und diesen interessante Angebote zu machen. Der Verlag arbeite dabei mit dem Newspaper Next Konzept des US-amerikanischen Zeitungsverlegerverbands NAA (das Konzept wird im Jahrbuch „Zeitungen 2007“ des BDZV ausführlich vorgestellt, die Red.).
Russ hatte auch einige beeindruckende Daten parat. So erzielen die „Vorarlberger Nachrichten“ beispielsweise über alle Altersgruppen eine tägliche Reichweite von 67 Prozent. Auch junge Leute würden erfolgreich angesprochen, etwa mit dem Gratisblatt „Wann und Wo“, das zweimal pro Woche erscheint. Hier liege die Reichweite bei 80 Prozent. Wöchentlich würden mit beiden Produkten netto damit sogar 95 Prozent der 14- bis 19-Jährigen regelmäßig angesprochen. Besonders an diese Altersgruppe richtet sich auch eines der zahlreichen neuen Portale der Zeitungsgruppe, „freunde.vol.at, das mit Funktionalitäten wie MySpace arbeitet. „Wir sind das „MySpace/ Facebook“ von Vorarlberg“, erklärte Russ selbstbewusst. Sein Haus stecke einen Großteil der Ressourcen ins Netz. Denn wir glauben, dass 2011 rund 50 Prozent des Print-Anzeigenumsatzes im Internet stattfinden. Radikale Konsequenz: „Viele gliedern Online aus – wir gliedern die Zeitung aus“, berichtete der Vorarlberger Verleger. Das seien einfach andere Herstellungswege und Produktionsmöglichkeiten, „Online bedient die Zeitung“.











